Mi., 03. Nov. | Unter Deck

MAULGRUPPE

Anmeldung abgeschlossen
MAULGRUPPE

03. Nov., 20:00
Unter Deck, Oberanger 26, 80331 München, Deutschland

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Wenn Jens Rachut singt, dann klingt das mitunter nach Freejazz mit  Worten, nach freier Improvisation. Zum Beispiel, wenn er sich im Song  „Hitsignale“ mit dem digitalen Overkill unserer Tage auseinandersetzt  und die Rechner, Prozessoren und Bildschirme verflucht: „Ihr Motherboard  küsst mein Gehirn/ ihr Fatherboard küsst mein Gehirn“, singt er darin;  das Stück endet schließlich mit einem auf dem Boden zertrümmerten  Computer und der Feststellung, dass Maschinen zum Küssen nicht gemacht  sind: „Das kann kein Mensch erfunden haben/ Tatütata...“ Zu hören ist  das Stück auf dem neuen Album seiner Band Maulgruppe („Hitsignale“), wo  Rachuts Satzkaskaden und Wortschöpfungen zumeist auf frickliges,  nervöses Synthesizerrumoren und Stakkato-Gitarren treffen. Die  originären Songtexte sind dabei eine Qualität der Band - darüber hinaus  spürt man jederzeit, dass die vier Musiker eine gemeinsame Idee von  Musik und Kunst verbindet. Das verwundert wenig, denn sie alle sind vom  Punk und Postpunk der Achtziger und Neunziger geprägt: Gitarrist Frank  Otto und Drummer Markus Brengartner entstammen der  Schwarzwald-Connection um die Bands Kurt, Ten Volt Shock und Yass,  Bassist Wieland Krämer hat mit Rachut schon bei Dackelblut und  Ratttengold gespielt, Rachut wiederum hat mit seinen Gruppen  (Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle usw.) ohnehin eine ganze  Generation deutschsprachiger Punkbands beeinflusst. Er lebt heute  übrigens bei Buchholz in einer Waldhütte, spielt zudem noch in der Band  Alte Sau und betreibt Öölmf-Forschung (was das ist, fragen Sie ihn  besser selber). Maulgruppe gründete sich 2016, zunächst als Trio, die  Band debütierte 2019 mit dem Album „Tiere in Tschernobyl“. Der  Nachfolger wurde nun letzten Oktober mit Moses Schneider und Ingo Krauss  im Berliner Candybomber Studio aufgenommen. Die Band klingt in den 11  Songs genau so, wie man es sich vorstellen würde, wenn die  südbadensische Noise-Schule auf den diesigen norddeutschen Punk trifft:  Treibende Mollgitarren und abgehackte Gitarrenriffs wechseln sich ab,  Synthesizer wabern und pluckern und fiepen, der Bass zieht stoisch seine  Runden - und darüber krakeelt und kreischt und röhrt der Rachut. Die  Lyrics behandeln dabei meist persönliche Geschichten. Über die  merkwürdige neue Zeitrechnung seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie  singt Rachut in „FLUG X1 Strich 22“: „Seit Monaten ein Maskenball/ keine  Gigs und keine Reisen/ das ist die Strafe für Panschen und Täuschen/ Öl  im Strandkorb/ Verschwörungen und Kriege/ und Datendiebe“. Ein  Highlight ist die Sehnsuchtsnummer „Kakteen verblühen nie“, Françoise  Cactus und Rachut im Duettgesang - der Song, der am meisten an  Dackelblut erinnert. Die beiden singen über Cactus‘ Aufwachsen in der  Provinz im Burgund der sechziger Jahre, über das Abhauen und den  Aufbruch - ein Song wie ein Road Movie. Schief und charmant grölen die  beiden den Refrain; da ist ein guter Vibe, da ist eine Wellenlänge, da  ist Wärme in dem Song. Jetzt ist er zudem ein Nachruf geworden. Auch ein  Fluch auf die Depression (“Schwarzer Hund“) und eine Hommage an die  Außenseiter unter den Zahlen („Prim die Zahl“) finden sich auf dem  Album. Mit „Alter Blender“ gelingt Rachut zudem ein großer Song über  Schreibblockaden und die Angst, sich zu wiederholen („Warum fällt mir  nichts Neues ein?/ die Ideen sie wirken alt/ ich bräuchte frische  Zellen/ oder Orte, die inspirieren“). Dabei ist ja genau das das  Erfreuliche an dieser Band: Zu keinem Zeitpunkt klingen ihre Stücke so,  als würde sie Altes neu aufwärmen oder Gestriges wiederkäuen. Es ist  Musik, die nach vorne geht und nach vorne schaut, einer Zeit entgegen,  in der Maulgruppe hoffentlich auch wieder reisen und Gigs spielen  können.

"Rachut erinnert an die Macht und die Schönheit der Renitenz.  Ausprobiert und zu früher Blüte gebracht auf den Alben seiner 80er- und  90er-Jahre-Bands Angeschissen und Blumen am Arsch der Hölle. Fortgeführt  nun mit dem zweiten Album der Maulgruppe, das ein Stück deutsche  Postpunkgeschichte wachrüttelt und -schüttelt." Musikexpress