So., 29. Mai

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Strom

KINDERZIMMER PRODUCTIONS

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KINDERZIMMER PRODUCTIONS

29. Mai, 20:00

Strom, Lindwurmstraße 88, 80337 München, Deutschland

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Kinderzimmer Productions “Todesverachtung To Go” Das  Sample läuft in die falsche Richtung, der Drum-Loop geht gegen sich an,  das  Klavier tritt auf der Stelle, Textor betritt den Raum mit einer  Kopfnicker-Line. Kann das  funktionieren, hier, heute? Bevor man sich  diesen Fragen ernsthaft widmen kann, ist  man schon wieder ganz  woanders, beim menschlichen Körper, dem Ausrufen einer  Unmittelbarkeit,  und all das fühlt sich noch irritierender an, weil der Beat darunter so  artig  in Schleife schlingert, sich also alles und nichts geändert hat,  nach zehn Sekunden im  Song, nach zehn Jahren in der Wirklichkeit. Um  diesen Dreh spielten Kinderzimmer Productions ihre letzten Konzerte,  (ziemlich)  unplugged in Dortmund und orchestriert in Wien, eine  experimentelle, aber versöhnliche  Geste zum Abschied nach rund zwanzig  Jahren HipHop, verbracht immer leicht neben  der Spur. Von den Anfängen  als Trio unter dem bereits sehr kinderzimmertauglichen  Namen „Die 3  Rüben“ über die Zeit als Duo, dessen Name sich der Kompromisslosigkeit   der Crew Boogie Down Productions verpflichtet, sich im gleichen Atemzug  aber auch der  Differenz zwischen Ulm und Bronx bewusst ist, bis hin zu  Erfolgen in Feuilletons und auf  Festivalbühnen. Sechs Studioalben lang  biss sich die Zähne aus, wer die Musik  einordnen wollte – für die  Charts war der Sound zu rumpelig, die Texte pöbelten zu sehr,  ohne von  der Straße zu kommen, die Songs drifteten in Jazz-Gefilde ab, ohne  HipHop  zu verlassen. Als deutschsprachiger Rap dann zum zweiten Mal  nach dem Boom und  der anschließenden Flaute um die Jahrtausendwende  eine kleine Pause wollte, willigten  Henrik von Holtum (aka Textor) und  Sascha Klammt (aka Quasi Modo) ein. Die Ära  Aggro ging zu Ende und das  Kinderzimmer stellte die Produktion ein.  Wenn dieser Tage mit  Todesverachtung To Go also doch noch ein siebtes Album  erscheint, darf  man durchaus eine kurze Unsicherheit spüren ob der vergangenen Zeit,   doch wie vorweggenommen: Die Musik löst jeden Zweifel in kürzester Zeit  auf, gerade  weil Kinderzimmer Productions so früh einen eigenständigen  Ansatz entwickelt haben,  den sie auch 2019 problemlos verfolgen können.  Gerade nach manchem Comeback,  das zwischen Zeitgeist und Tradition  eher ratlos wirkte, ist diese Gewissheit eine Wohltat, ohne dass die  Platte langweilt. Im Gegenteil, Teil des Plans ist es ja, planlos   schier endlose Räume zu bauen, in denen sich Bassläufe verirren können,  durch die  Orgeln spuken, Stimmen abheben und Drums wie Heuballen  rollen. Nur hier hat Textor  genügend Platz, sich durch ein Niemandsland  zwischen Gymnasiastensprech und  Battle-Rap zu assoziieren. Zur  üblichen Rückmelderhetorik gibt es keinen Anlass, an  solchem  „Galavorgehen“ besteht kein Bedarf, es braucht auch keine persönlichen   Reflektionen oder Blicke auf das bereits gelebte Leben, schließlich  handelt es sich nicht  um den „Versuch, eine Midlife-Crisis zu  bewältigen.“  Niemand will es hier nochmal wissen, Textor und Quasi Modo  wissen schon Bescheid.  An Weihnachten vor zwei Jahren haben sich die  beiden als Freunde zusammengesetzt,  einfach ein paar Ideen  ausgetauscht, sich in die Vorschläge des anderen eingemischt,  und schon  war das Team wieder eingespielt. Eine Aufwärmphase mit Livekonzerten  und  erstmal Austesten, ob es überhaupt noch einen Markt für diese Band  gibt, war nicht  vonnöten. Überhaupt, den „flavour of the month“ galt es  zu vermeiden, so Textor,  stattdessen eine „Kraft in HipHop, die viele  nicht gegriffen kriegen“ zu kanalisieren. Es  geht um  Mehrdimensionalität in Text und Musik, also nicht zwingend, was man  sagt,  sondern „die Art, in der man Scheiße labert“. Das erinnert, um  diese Assoziation  nochmal zu bemühen, freilich schon an Jazz, gerade  wenn so eine schöne Film-Noir Atmosphäre aufkommt wie in Watch Me. Am  Ende ist das hier aber Rap, wie es immer  schon Rap war, mit einer  Attitüde, die Textor „Bravado“ nennt – also Aufschneiderei, „mit  einem  Taschenmesser gegen die Armee der Finsternis antreten“. Obwohl das als  Bild  fast schon wieder zu konkret ist für eine Gruppe, die am Besten im  Vagen, in der  Abstraktion funktioniert – nachzuhören auf  Todesverachtung To Go. Sebastian Berlich