Fr., 22. Apr.

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Ampere

DIE GRUPPE JA, PANIK (LIVE)

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DIE GRUPPE JA, PANIK (LIVE)

22. Apr., 19:30

Ampere, Zellstraße 4, 81667 München, Deutschland

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Bayern 2/ZÜNDFUNK präsentiert:

Die Gruppe Ja, Panik (live)

support: MIRA MANN

Die  Gruppe Ja, Panik bringt ein neues Album heraus, es heißt „Die  Gruppe“,  und meint sich selbst, und da fragen die ersten natürlich  gleich: Wann?  Wieso? Wie bitte? Warum jetzt? Das ist alles in Ordnung  und wird zu  klären sein, aber wäre die viel bessere Frage nicht: Woher?

Denn  darin hat es ja seit jeher Streitigkeiten unter den Weisen  gegeben,  also was die kulturelle Biologie betrifft, die besagt, wo die  Musik wohl  ihren Ursprung hat. Im Kopf, behaupten manche. Im Bauch,  glauben die  nächsten. Andere meinen: in den Geschlechtsteilen. Es geht  bunt  durcheinander.

Nichts  davon trifft auf „Die Gruppe“ zu. Und wenn es nicht schon  wieder so  furchtbar akademisch klänge, was eigentlich nicht sein muss,  dann würde  man jetzt mit Sprungfederschuhen zur These aufhüpfen: Dieses  Album  handelt sogar davon, dass die Musik (und die gesamte Kunst,  meinetwegen)  nur wirklich ganz selten aus einer simplen, punkt- oder  organförmigen  Verortung herausblubbert. Sondern aus dem Wechsel  zwischen den Welten,  dem Übergang von einem erkenntnispraktischen  Aggregatszustand zum  anderen. Dem Glitsch zwischen den  gegeneinanderkantenden Dimensionen,  der ab und zu Geräusche macht, und  die klingen dann so.

„Im  Gegenteil:/ Wir steigen aus/ wir steigen ein/ denn wer zu lange   Gespenst spielt/ wird bald selber eins sein“, das waren die Worte, mit   denen Andreas Spechtl, Sänger, Gitarrist und Songautor von Ja, Panik,   das 2016 in der Gruppe erstellte Buch „Futur II“ beschloss. Auch hier   ging es darum, wie Dichtung, Performance und Pop immer nur im manchmal   grausamen Wechselspiel von Widersprüchen entstehen können, zwischen   Bewusstsein und Rausch, Kollektiv und Einzelnen, Kommerz und  politischer  Mission. Die Verse aus dem Buch könnte man der neuen Platte  als Motto  voranstellen. Sie erzählt genau an der Stelle weiter. Oder  rückwärts in  sie hinein.

Und  das Gespenst, von dem die Rede war: Gewissermaßen ist es die  fahle,  aber umso freundlichere Reiseführerin oder der Reiseführer durch  „Die  Gruppe“. Ein Album voller Wunder und Schrecken, Rätsel und  Leuchtfeuer,  Gewebe und Löcher, fließender Geschichten und Slogans, die  man sich auf  die Stirn stempeln will. Vor allem: ein Werk, wie man es  in der an  Höhepunkten nun wirklich nicht geizigen Diskografie von Ja,  Panik noch  nicht gehört hat, nicht ansatzweise.

Aber  kurz zu den Fragen vom Anfang, den anderen. Ja, Panik bestehen  2021 aus  Andreas Spechtl, Stefan Pabst (Bass), Laura Landergott  (Keyboards &  Gitarre) und Sebastian Janata (Schlagzeug). Als Gast  ist hier Rabea  Erradi dabei, die offiziell nicht zur Besetzung gehört,  als  Saxophonistin für die neue Musik jedoch eine absolut tragende Rolle   spielt. Die elf Stücke wurden 2019 fertiggeschrieben, die Demos   entstanden im Frühjahr 2020 in Tunesien, die Pandemie verzögerte dann   die eigentlichen Aufnahmen im Burgenländischen Heimstudio bis in den   Herbst hinein. „Die Gruppe“, das nach „Libertatia“ von 2014 insgesamt   sechste Album, ist zudem das erste überhaupt, das Andreas Spechtl ganz   ohne fremde Hilfe produziert hat.

Damit  könnte es zu tun haben, dass diese Platte vom ersten Song  „Enter.Exit“  bis zum finalen, seit seiner Veröffentlichung an Neujahr  bereits  bekannten „Apocalypse or Revolution“ einen komplett originären  Hallraum  eröffnet. Einen Soundkanal der fantastischen Zwischenzustände,  eine  geradezu begehbare Installation, in der Geräusche durch die Luft   schwirren, surren und fräsen. Wo nichts wirklich so klingt, wie es   scheint, wo die Phrasen, Gebilde und Echos, die einem dann doch  vertraut  vorkommen, allerhöchstens kleine Kuschelkissen sind, auf denen  man den  Kopf ablegen und nach oben gucken kann. Ins seltsam gefärbte   Himmelszelt, an dem eine sich daherschlängelnde Schnuppe ebenso gut  eine  innerstädtische Free-Jazz-Linie wie eine Kalahari-Wüstenoboe sein   könnte.

Wie  gesagt erzählt „Die Gruppe“ aber auch Geschichten, die  hängengeblieben  sind zwischen Traum und Wachsein. Fragmente vom  Erlebnis der  autobiografischen Digitalisierung, vom Riss in der Welt,  der plötzlich  durch ein gecracktes Smartphone-Display aufplatzt, vom  popkulturell  kodierten Topos des Arztbesuches und, beinahe  selbstverständlich bei Ja,  Panik, vom Kapitalismus. „The only cure from  capitalism is more  capitalism“, singt der Gruppenchor in „The Cure“,  immer wieder, zum  Auswendiglernen – und bevor wir jetzt erklären, was  das soll, weisen wir  lieber darauf hin, dass das Wort „Band“ in diesem  Text noch kein  einziges Mal vorgekommen ist.

Warum?  Weil Ja, Panik auf diesem in vielerlei Hinsicht  außergewöhnlichen neuen  Album eben gerade nicht so klingen oder  strategisch agieren, wie es  sich seit den 50ern und 60ern, seit der  Erfindung von Teenager- und  Popkultur, ins Prinzip der Band  eingeschliffen hat. Die Gruppe Ja, Panik  ist „Die Gruppe“. Oder, wie  Andreas Spechtl es hier kurz vor dem großen  Finale singt:„Secret  groups/ secret gangs/ organise inside my head.“

Leute, bildet Gruppen! Und hört diese Musik dabei. Und davor. Und danach. Unbedingt.

Joachim Hentschel