Mo., 25. Okt. | München

DIE GRUPPE JA, PANIK (LIVE)

Tickets stehen nicht zum Verkauf
DIE GRUPPE JA, PANIK (LIVE)

25. Okt., 20:00
München, Lindwurmstraße 88, 80337 München, Deutschland

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Bayern 2/ZÜNDFUNK präsentiert: 

Die Gruppe Ja, Panik (live) 

support: Culk

Die  Gruppe Ja, Panik bringt ein neues Album heraus, es heißt „Die Gruppe“,  und meint sich selbst, und da fragen die ersten natürlich gleich: Wann?  Wieso? Wie bitte? Warum jetzt? Das ist alles in Ordnung und wird zu  klären sein, aber wäre die viel bessere Frage nicht: Woher?

Denn  darin hat es ja seit jeher Streitigkeiten unter den Weisen gegeben,  also was die kulturelle Biologie betrifft, die besagt, wo die Musik wohl  ihren Ursprung hat. Im Kopf, behaupten manche. Im Bauch, glauben die  nächsten. Andere meinen: in den Geschlechtsteilen. Es geht bunt  durcheinander.

Nichts  davon trifft auf „Die Gruppe“ zu. Und wenn es nicht schon wieder so  furchtbar akademisch klänge, was eigentlich nicht sein muss, dann würde  man jetzt mit Sprungfederschuhen zur These aufhüpfen: Dieses Album  handelt sogar davon, dass die Musik (und die gesamte Kunst, meinetwegen)  nur wirklich ganz selten aus einer simplen, punkt- oder organförmigen  Verortung herausblubbert. Sondern aus dem Wechsel zwischen den Welten,  dem Übergang von einem erkenntnispraktischen Aggregatszustand zum  anderen. Dem Glitsch zwischen den gegeneinanderkantenden Dimensionen,  der ab und zu Geräusche macht, und die klingen dann so.

„Im  Gegenteil:/ Wir steigen aus/ wir steigen ein/ denn wer zu lange  Gespenst spielt/ wird bald selber eins sein“, das waren die Worte, mit  denen Andreas Spechtl, Sänger, Gitarrist und Songautor von Ja, Panik,  das 2016 in der Gruppe erstellte Buch „Futur II“ beschloss. Auch hier  ging es darum, wie Dichtung, Performance und Pop immer nur im manchmal  grausamen Wechselspiel von Widersprüchen entstehen können, zwischen  Bewusstsein und Rausch, Kollektiv und Einzelnen, Kommerz und politischer  Mission. Die Verse aus dem Buch könnte man der neuen Platte als Motto  voranstellen. Sie erzählt genau an der Stelle weiter. Oder rückwärts in  sie hinein.

Und  das Gespenst, von dem die Rede war: Gewissermaßen ist es die fahle,  aber umso freundlichere Reiseführerin oder der Reiseführer durch „Die  Gruppe“. Ein Album voller Wunder und Schrecken, Rätsel und Leuchtfeuer,  Gewebe und Löcher, fließender Geschichten und Slogans, die man sich auf  die Stirn stempeln will. Vor allem: ein Werk, wie man es in der an  Höhepunkten nun wirklich nicht geizigen Diskografie von Ja, Panik noch  nicht gehört hat, nicht ansatzweise.

Aber  kurz zu den Fragen vom Anfang, den anderen. Ja, Panik bestehen 2021 aus  Andreas Spechtl, Stefan Pabst (Bass), Laura Landergott (Keyboards &  Gitarre) und Sebastian Janata (Schlagzeug). Als Gast ist hier Rabea  Erradi dabei, die offiziell nicht zur Besetzung gehört, als  Saxophonistin für die neue Musik jedoch eine absolut tragende Rolle  spielt. Die elf Stücke wurden 2019 fertiggeschrieben, die Demos  entstanden im Frühjahr 2020 in Tunesien, die Pandemie verzögerte dann  die eigentlichen Aufnahmen im Burgenländischen Heimstudio bis in den  Herbst hinein. „Die Gruppe“, das nach „Libertatia“ von 2014 insgesamt  sechste Album, ist zudem das erste überhaupt, das Andreas Spechtl ganz  ohne fremde Hilfe produziert hat.

Damit  könnte es zu tun haben, dass diese Platte vom ersten Song „Enter.Exit“  bis zum finalen, seit seiner Veröffentlichung an Neujahr bereits  bekannten „Apocalypse or Revolution“ einen komplett originären Hallraum  eröffnet. Einen Soundkanal der fantastischen Zwischenzustände, eine  geradezu begehbare Installation, in der Geräusche durch die Luft  schwirren, surren und fräsen. Wo nichts wirklich so klingt, wie es  scheint, wo die Phrasen, Gebilde und Echos, die einem dann doch vertraut  vorkommen, allerhöchstens kleine Kuschelkissen sind, auf denen man den  Kopf ablegen und nach oben gucken kann. Ins seltsam gefärbte  Himmelszelt, an dem eine sich daherschlängelnde Schnuppe ebenso gut eine  innerstädtische Free-Jazz-Linie wie eine Kalahari-Wüstenoboe sein  könnte.

Wie  gesagt erzählt „Die Gruppe“ aber auch Geschichten, die hängengeblieben  sind zwischen Traum und Wachsein. Fragmente vom Erlebnis der  autobiografischen Digitalisierung, vom Riss in der Welt, der plötzlich  durch ein gecracktes Smartphone-Display aufplatzt, vom popkulturell  kodierten Topos des Arztbesuches und, beinahe selbstverständlich bei Ja,  Panik, vom Kapitalismus. „The only cure from capitalism is more  capitalism“, singt der Gruppenchor in „The Cure“, immer wieder, zum  Auswendiglernen – und bevor wir jetzt erklären, was das soll, weisen wir  lieber darauf hin, dass das Wort „Band“ in diesem Text noch kein  einziges Mal vorgekommen ist.

Warum?  Weil Ja, Panik auf diesem in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen neuen  Album eben gerade nicht so klingen oder strategisch agieren, wie es  sich seit den 50ern und 60ern, seit der Erfindung von Teenager- und  Popkultur, ins Prinzip der Band eingeschliffen hat. Die Gruppe Ja, Panik  ist „Die Gruppe“. Oder, wie Andreas Spechtl es hier kurz vor dem großen  Finale singt:„Secret groups/ secret gangs/ organise inside my head.“

Leute, bildet Gruppen! Und hört diese Musik dabei. Und davor. Und danach. Unbedingt.

Joachim Hentschel